Die Roggenmuhme – die mysteriöse Dame im Korn

|Niklas Steffen
Die Roggenmuhme – die mysteriöse Dame im Korn

Die Roggenmuhme – die mysteriöse Dame im Korn

Der Moment, wenn das Korn dich überragt

Stell dir einen heißen Sommertag vor, irgendwo vor 150 Jahren. Das Roggenfeld ragt in den Himmel, die Halme bilden ein Dach über deinem Kopf, und nach zehn Schritten sieht alles gleich aus. Keine Häuser, keine Wege, kein Rufen – nur Halme, Hitze und das Rascheln im Wind.

Genau dorthin zog es Kinder, wegen der leuchtenden Kornblumen und dem Mohn – und natürlich dem Versteckspiel. Doch Mütter warnten: „Geh nicht allein ins Korn!“ Denn dort lauert die Roggenmuhme.

 

Wer oder was ist die Roggenmuhme?

Die Roggenmuhme ist ein furchterregender Korndämon aus der deutschen Sagenwelt. „Muhme“ bedeutet Tante. Schon die Brüder Grimm nahmen sie 1816 in ihre „Deutschen Sagen“ auf. Sie wird als große, uralte Frau beschrieben, die im Feld wandelt, als gehöre es ihr. In einigen Geschichten hat sie Finger aus glühendem Eisen, in anderen Brüste voller Teer. Sie nährt sich vom Korn und wehe dem Kind, das sie erwischt.

 

Die Roggenmuhme als Kinderschreck

Sie war vor allem ein Schreckgespenst für Kinder: Sie lockt, legt Fallen und holt sich, wer das Korn zertrampelt. Jedes Dorfkind kannte die Warnung und blieb am Feldrand.

 

Die zwei Gesichter der Alten

Die Roggenmuhme ist nicht nur ein Schreckgespenst. Sie gilt auch als Geist des Feldes, der für Fruchtbarkeit sorgt. Bei der Ernte glaubte man, dass sie in die letzte Garbe flieht. Daher ließ man oft etwas Korn stehen – ihr Anteil, damit sie gnädig bleibt.

Ein Zug verbindet sie übrigens mit einer alten Bekannten dieser Reihe: Wie die Percht straft sie der Überlieferung nach die faulen Mägde, die in den Zwölfnächten ihren Spinnrocken nicht abgesponnen haben. Die dunklen Frauen des Volksglaubens kannten einander offenbar.

 

Nicht nur im Roggen zu Hause

Je nach Region hat sie verschiedene Namen: Kornmuhme, Roggenmutter, Erntemutter. In Bayern und Österreich kennt man die „Preinscheuhe“ im Hirsefeld. Ähnliche Wesen gibt es in fast jeder europäischen Ackerbaukultur.

 

Was wirklich im Kornfeld lauerte

Ein hohes Kornfeld war für Kinder gefährlich. Man konnte sich leicht verirren und in der Hitze verloren gehen. Außerdem war zertrampeltes Korn verlorenes Brot, entscheidend für den Winter. Die Roggenmuhme war also auch ein Mittel, Kinder vor realen Gefahren zu schützen.

 

Warum die Roggenmuhme heute noch fasziniert

Obwohl die hohen Roggenfelder seltener geworden sind, bleibt die Roggenmuhme eine eindrückliche Gestalt. Sie ist Teil einer Sagenwelt, die dem Land seine unheimliche Seite lässt. Die Dark-Folk-Kollektion widmet ihr ein Kapitel: die Alte im Ährenkleid, unter der Sommersonne, umgeben von Mohn und Kornblumen.

 

Wo du tiefer einsteigen kannst

Die älteste Fassung findest du bei den Brüdern Grimm: „Deutsche Sagen“, 1816. Wilhelm Mannhardt bietet volkskundliche Grundlagen mit „Die Korndämonen“ (1868).

Wenn du magst, findest du die Roggenmuhme als Oversize-T-Shirt und Bio-Hoodie in unserer Dark Folk Kollektion, gedruckt in Deutschland auf Bestellung.

Und wer das erste Kapitel der Reihe noch nicht kennt: Die Drud – die bayerische Sagengestalt hinter dem Alptraum

 

Weitere Beiträge zur Sagenwelt folgen bald – über die Wilde Jagd, die Perchten, den Tatzelwurm und die Habergeiß.

 

Quellen und weiterführende Literatur

Wilhelm Grimm, Jacob Grimm: „Deutsche Sagen“, Erster Band, Berlin 1816 (darin „Die Roggen-Muhme“). – Wilhelm Mannhardt: „Die Korndämonen. Beitrag zur germanischen Sittenkunde“, Berlin 1868. – Leander Petzoldt: „Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister“, 3. Auflage, C.H. Beck, München 2003. – Wikipedia-Artikel „Roggenmuhme (Korndämon)“.

 

Hinweis: Dieser Beitrag ist ein volkskundlich-kultureller Essay, kein wissenschaftlicher Fachaufsatz. Alle historischen Angaben wurden nach bestem Wissen recherchiert; für weiterführende Forschung empfehlen wir die genannten Quellen.