Der Augenblick, wenn sich etwas Schweres auf die Brust legt
Jeder, der es erlebt hat, kennt es – und für alle anderen bleibt es ein Rätsel. Du wachst mitten in der Nacht auf, völlig wach, kannst die vertrauten Schatten des Zimmers sehen – und bist dennoch festgenagelt wie ein Bild an der Wand. Etwas Drückendes sitzt auf deiner Brust. Dein Atem pfeift wie ein altes Akkordeon. Manchmal meint man, eine Gestalt zu sehen, die dich anstarrt.
Wir nennen es heute Schlafparalyse. Bis vor wenigen Generationen hatte es in Bayern und Süddeutschland einen Namen: die Drud.
Wer oder was ist die Drud?
Sie ist eine der langlebigsten Gestalten des süddeutschen und alpinen Volksglaubens. Ihr Name stammt vom althochdeutschen „trut" – das Drücken oder Treten. Kein Zufall, denn in den Sagen aus der Oberpfalz und Bayern beschreiben Erzähler die Drud als Wesen, das sich nachts auf die Brust setzt und bis zur Erschöpfung drückt.
Meist weiblich gedacht, erscheint sie in den Aufzeichnungen des Volkskundlers Franz Xaver von Schönwerth als alte, dürre, aber unnatürlich schwere Frau. Ihre männlichen Kollegen heißen „Truderer" – die können zusätzlich noch Wände erklimmen und übers Dach huschen.
Wie kommt die Drud ins Haus?
Sie ist eine Meisterin der Verwandlung. Durch das Schlüsselloch, den Türspalt oder das kleine Zugloch, das früher zum Ableiten von Kochdampf ins bäuerliche Wohnzimmer führte, schlüpft sie herein – verkleidet als Strohhalm, Federspule, harmlose Muffe, trockene Erbse oder Besenreis. Einmal drin, nimmt sie ihre drückende Gestalt an und bleibt, bis der Schläfer sich mit letzter Kraft rührt oder die Sonne aufgeht.
In Schönwerths Sammlung finden sich Berichte von Menschen, die sich zu Tode drücken ließen. Und selbst Pferde, am Morgen mit schaumigem Fell und zerzausten Mähnen im Stall gefunden, galten als „getrudet".
Wie wehrt man die Drud ab?
Der bayerische Volksglaube hielt ein ganzes Arsenal an Abwehrmitteln bereit. Drei davon haben sich bis heute im kulturellen Gedächtnis gehalten:
Der Drudenfuß – ein fünfzackiger Stern, in einem einzigen durchgehenden Strich gezeichnet, damit die Drud in seinen Linien gefangen bleibt. Der Name soll auf den vermeintlich vogelartigen Fußabdruck der Drud zurückgehen.
In Kaufbeuren im Allgäu fand man bei Restaurierungsarbeiten an der Stadtmauer einen Stein mit eingemeißeltem Drudenfuß, der vermutlich aus dem 15. Jahrhundert stammt. Karlsruhe-Knielingen führt den Drudenfuß seit 1471 sogar in seinem Ortswappen.
Der Drudenstein – ein Kieselstein mit einem natürlichen Loch, im Volksmund auch „Hühnergott" genannt. Man hängte ihn an einem Band im Dachgebälk auf. Das Loch, so glaubte man, war das „Auge", durch das die Drud gebannt wurde.
Das Drudenmesser – ein Messer mit neun eingeschlagenen Halbmonden und Kreuzen auf der Klinge, unter die Matratze geschoben oder neben das Bett gelegt. Mit ihm soll man sogar die „Windsbraut" – einen plötzlichen Wirbelwind, in dem eine Drud stecken sollte – zum Absturz gebracht haben.
Daneben gab's lokale Tricks: einen Besen umdrehen, Schuhe verkehrt herum aufstellen, ein Vaterunser rückwärts sprechen. Was immer half, wurde probiert.
Die Drud ist nicht nur bayerisch
Ähnliche Wesen kennt fast jede europäische Region. Im Schwarzwald und Schwaben heißt sie „Schrättele" oder „Schrat", im alemannischen Raum „Doggele", in Norddeutschland „Nachtmahr" – daher stammt auch das englische *nightmare*. In Skandinavien ist es die „Mare", in Neufundland die „Old Hag".
Volkskundler sehen darin ein weltweites Muster: Menschen erleben etwas Bedrängendes, dessen Ursache sie nicht verstehen, und vermuten dahinter ein handelndes Wesen.
Was die moderne Wissenschaft dazu sagt
Aus heutiger Sicht beschreibt die Drud eine reale körperliche Erfahrung: die Schlafparalyse. Sie tritt am Übergang zwischen REM-Schlaf und Wachzustand auf.
Der Körper ist in dieser Phase gelähmt, damit man Träume nicht körperlich auslebt. Wacht das Bewusstsein auf, während die Lähmung noch anhält, entsteht das paradoxe Erleben: wach, aber unbeweglich.
Das Druckgefühl auf der Brust kommt von der flachen Atmung im REM-Schlaf. Die halluzinierten Gestalten sind Reste des Traumbewusstseins, die in die Wachwahrnehmung überlaufen.
Das erklärt die körperliche Seite. Es erklärt aber nicht, warum Menschen in vielen Kulturen unabhängig voneinander dieselbe Gestalt beschreiben – die alte, drückende Frau.
Genau in dieser Lücke lebt die Drud weiter: als kulturelle Antwort auf eine Erfahrung, die medizinisch beschreibbar, aber nicht vollständig erklärbar ist.
Warum uns die Drud heute noch fasziniert
Fragt man in Bayern, im Salzkammergut oder im Waldviertel ältere Menschen, kennen viele die Drud noch aus Erzählungen ihrer Großeltern.
Der Volksglaube ist offiziell verschwunden, aber seine Figuren sitzen tief im kulturellen Gedächtnis – und sie kommen zurück. In der jüngeren Ästhetik-Bewegung, die Begriffe wie Dark Folk, Cottagegoth oder Feralcore hervorbringt, spielen solche Sagengestalten wieder eine Rolle. Nicht als Aberglaube, sondern als kulturelles Material, aus dem sich etwas Eigenes formen lässt.
Für uns bei Bavaresque gehört die Drud deshalb zu den zentralen Figuren der Dark-Folk-Kollektion. Nicht als Karikatur, nicht als Halloween-Deko, sondern in ihrer ursprünglichen Gestalt:
Knochige alte Frau, umrankt von Nachtblumen und Motten, unter dem Mond, der ihr gehört. Eine Respekterweisung an eine Figur, die Generationen bayerischer Bäuerinnen und Bauern nachts beschäftigt hat.
Wo du tiefer einsteigen kannst
Wer mehr über die bayerische Sagenwelt lesen will, kommt an einer Quelle nicht vorbei: Franz Xaver von Schönwerth „Sagen und Märchen aus der Oberpfalz", gesammelt zwischen 1857 und 1859. König Max II. von Bayern lobte das Werk persönlich, und Jakob Grimm bescheinigte Schönwerth Ende 1858 in einem Brief höchste ethnografische Qualität.
Der Nachlass – über 500 weitgehend unbekannte Märchen – schlummert bis heute im Stadtarchiv Regensburg und wird nach und nach ediert. Für moderne Neuausgaben einfach zur Buchhandlung deines Vertrauens pilgern.
Wenn du magst, findest du die Drud als Oversize T-Shirt und Bio-Hoodie in unserer Dark Folk Kollektion – illustriert von Niklas Steffen, auf schwarzem Grund, gedruckt in Deutschland auf Bestellung.
In den kommenden Wochen erscheinen hier weitere Beiträge zur bayerischen Sagenwelt – über die Wilde Jagd, die Perchten, den Tatzelwurm und die Habergeiß.
Quellen und weiterführende Literatur
Primärquelle – Franz Xaver von Schönwerth: *Aus der Oberpfalz – Sitten und Sagen.* Bd. 1–3. Augsburg 1857–1859. Auszüge und Aufsätze zum Werk verfügbar über die Franz Xaver von Schönwerth-Gesellschaft.
Volkskundliche Literatur – Leander Petzoldt: *Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister.* 3. Auflage. C.H. Beck, München 2003. – Standardwerk zu deutschsprachigen Sagengestalten mit Einträgen zu Drud, Drudenfuß und verwandten Wesen.
Online-Referenzen
Wikipedia-Artikel „Drude" und Nachtalb – Übersichten zu Etymologie, regionalen Varianten und Volksglauben. Museumsverein Knielingen zur Geschichte des Drudenfußes im Wappen von Karlsruhe-Knielingen seit 1471.
Zur Schlafparalyse – Die medizinische Erklärung folgt dem aktuellen Stand der Schlafforschung. Weiterführende Informationen bieten die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sowie einschlägige neurologische Fachliteratur.
Hinweis: Dieser Beitrag ist ein volkskundlich-kultureller Essay, kein wissenschaftlicher Fachaufsatz. Alle historischen Angaben wurden nach bestem Wissen recherchiert; für weiterführende Forschung empfehlen wir die genannten Primär- und Fachquellen.